Ein Gedanke

Sie fällt und fällt.

Rein in die Dunkelheit.

Sie wartet auf einen Arm. Eine Hand – ein Zeichen.

Doch nichts erscheint. Sie fällt.

Der Puls beruhigt sich. Grade eben war sie gestürzt. Doch sie fällt noch immer. Es wird zur Gewohnheit.

Es war kein Versehen gewesen. Auch nicht ihre Absicht. Sie hatte sich nicht absichtlich von der Klippe geworfen.

Zuvor noch war sie oben gestanden. Vor sich das Nichts, ein undurchdringliches Schwarz. Anziehend. Abstoßend. Faszinierend.

Unmittelbar begann sich der Gedanke zu spinnen.

Jener Gedanke. Dieser eine verflixte Gedanke, der jedesmal versucht, unsere Vernunft auszuhebeln. Er flüstert einem zu, sich fallen zu lassen. Über die Brüstung zu klettern, loszulassen, das sei das Größte. Oder auch: Vor einem Zug sei schön Platz, und wer nicht schnell genug wieder wegspringt, der hat nunmal Pech gehabt.

Da kann der Gedanke ja nichts dafür! Er flüstert nur. Flüstert dann, wenn viel auf dem Spiel stehen kann. Er bringt einen auf Gedanken.

Und da bremst der Verstand.

Dieses Verstandes fühlt sie sich gerade sehr entledigt. Sie denkt zwar, aber nichts bestimmtes. Hier im Nichts gibt es nichts, das einem im Weg stehen könnte. Nichts, das freie Entfaltung verhindert.

Aber auch nichts, das inspiriert. Nichts, das anregt. So bleibt sie sich ihrer selbst überlassen.

Sie bereut nichts. Es war nicht sie, es war der Gedanke. Er hat gewispert, angehaucht, verführt.

Sie fällt. Noch.

Ohne Hast, beginnt sich ein Film zu spinnen. Eine Abfolge von Wichtigkeiten. Dinge, die sich zutrugen. Ihr erscheinen sie mit solcher Klarheit, so völlig ohne Zweifel. Hier vermag sie Wirklichkeit von Traumgebilden zu unterscheiden. Sie weiß, was passiert, und was sich zutrug. Keine Geheimnisse. Alles ist geklärt.

Nur eines erscheint wie ein Traum, muss aber Wirklichkeit sein: Sie fällt.

Stand auf der Brüstung, bereit für viel. Der Gedanke flüsterte. Versprach nichts, erzählte nicht von holder Zukunft. Mancher Gedanke geht so vor in seiner Verführung – nicht dieser.

Er heischt nur an, regt an. In seiner Sinnlosigkeit verführt er. Es ist Nervenkitzel.

Der Verstand weiß, was passieren wird, wenn man sich vom Gedanken verführen lässt. Aber der Geist will’s nicht wissen.

So Vieles nie gemacht, so Vieles nie erprobt. Mal was Neues ausprobieren, warum denn nicht?

Sie fällt. Schwebt im Nichts.

Alle gemachten Erfahrungen sind ihr zugänglich. Das Nichts füllt sich mit Bildern und sie sieht, was sie erlebt hat.

Ein Reichtum. Sie fällt.

Der Gedanke flüsterte, brachte sie zum Schweben. Sie folgte dem Ruf und sprang.


Hinweis: Dies ist ein Siegertext des Literaturwettbewerbs “junges Literaturkarussell – Mecklenburg-Vorpommern trifft Niederösterreich” 2013/14 (http://www.kunstundsport-impuls.at).

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